Die arabische Internet-Revolution, westliche Geheimdienste und Al Qaida

Was haben Al Qaida und westliche Geheimdienste gemeinsam? Sie werden vollkommen überschätzt. Die Ereignisse, die wir in den letzten Wochen in Nordafrika beobachten konnten, haben uns gezeigt, dass die alten Machtstrukturen auf der Welt im Zeitalter des Internets immer mehr zu bröckeln beginnen.

Wer ist für die arabischen Revolutionen verantwortlich? Vor allem die junge und internetaffine arabische Jugend (wobei der Umstand, dass die Jugend arabisch ist, ebenfalls eine untergeordnete Rolle spielt). Die Jugend ist vor allem modern und sie ist – genau wie in Deutschland – vor allem mehr “Internet” als deutsch oder arabisch. Die Jugend, hat sie erst einmal Zugang zu modernen Kommunikationsmitteln wie dem Internet, sieht große Gemeinsamkeiten vor allem in der schrankenlosen, also unbegrenzten Kommunikation. Nationalstaaten und nationale Gesetze spielen da überhaupt keine Rolle mehr.

Es spielt auch keine Rolle mehr, ob das eigene Land bisher nie eine freie Presse kannte, ob es mittels staatlich kontrollierter Fernsehsender, Radiostationen oder Zeitungen über Jahrzehnte die eigene Bevölkerung bevormundete. Die Jugend geht Risiken ein, wie ein Zugvogel Risiken eingeht, wenn er sich im ersten Mal in seinem Leben auf eine Reise begibt, die er vielleicht noch nicht einschätzen kann. Dabei kann der Vogel scheitern, doch das hält ihn nicht davon ab, mit Millionen anderer Zugvögel immer wieder tausende von Kilometern zurückzulegen und Neuland anzufliegen. Was die arabische Jugend im ganzen nordafrikanischen Raum derzeit erobert ist für sie Neuland, und doch ist der unbedingte Wille, endlich leben zu können wie man will, lesen zu können was man will, seine eigene Meinung aussprechen zu können wie man will, dieser Wille stärker als alle Regime der Welt.

Was ein Regime? Es ist schlicht das, was wir ein Monopol nennen, ein Monopol, nur eine Meinung gilt und alle anderen werden radikal unterdrückt. Das hatten wir in Deutschland auch, in der DDR gab es die SED als Einheitspartei, sie hatte das Monopol über das, was erlaubt war, sie kontrollierte die Meinung, indem sie die Quellen, die nötig waren, um sich eine eigene Meinung zu bilden, kontrollierte bzw. unliebsame Quellen einfach abschaltete. “Abschalten” im übertragenden Sinne – es konnte Besuch von der Stasi bedeuten, Abtransport in ein Gefängnis, oder, wenn man Glück hatte, nach vielen Jahren die Ausweisung.

In sogenannten Gottesstaaten wird das Monopol immer von alten Männern ausgeübt. Sie geben vor, die besten Verbindungen zu Gott zu haben – dafür fehlen ihnen allerdings parallel die Verbinungen zum Internet, was fatal ist, denn hier würden sie vor allem die treffen, die eigentlich mal ihr Erbe übernehmen sollen: die Jugend.

Die Jugend in diesen von Despoten und religiösen Spinnern besetzten Staaten hat aber einen ganz eigenen Willen und den kann man nur sehr schwer für sich benutzen. Dafür ist dieser Wille a) zu komplex und b) geht es diesem Willen vor allem darum, nicht erneut von einem anderen Monopol beherrscht zu werden. Dieser Umstand erklärt, warum sowohl das von den westlichen Regierungen zur Gefahr Nummer 1 auf der Welt hochgeschriebene “Terrornetzwerk” al Quaida als auch die Geheimdienste der gesamten westlichen Hemisphäre einschließlich Israel von den aktuellen Ereignissen so überrascht sind wie streng katholische Eltern, die ihre 14-jährige Tochter beim Sex mit einem Gleichaltrigen erwischen. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes vor den Kopf geschlagen und stehen im Moment kollektiv unter Schock. Seit den großen Wikileaks-Veröffentlichungen Mitte bis Ende 2010 verändern sich die Machtstrukturen der Welt auf eine Weise, mit der keine Regierung vor der Erfindung und Verbreitung des Internets gerechnet hätte.

Das erklärt auch, warum bisher keine westliche Regierung auch nur ansatzweise die Konsequenzen dessen, was sich seit Monaten vor ihren Augen ereignet, zusammenfasst und dazu eine Stellungnahme abgibt. Unsere so wichtigen, so teuren und aus so vielen Vollprofis bestehenden Geheimdienste, inskusive der “Mutter” aller Geheimdienste, der CIA, aber auch die arabische Ausgabe von Kontrollinstanzen hinter den Kulissen, Al Qaida, ist der aktuellen Geschichte exakt so hilflos ausgeliefert wie ein alter verwirrter Mann, der 300m vor seinem Alterswohnsitz aufgegriffen wird, weil er seit Stunden umherirrt, nicht mehr nach Hause findet. Bei alten Männern ist das irgendwann ganz normal, sie werden senil. Aber bei Geheimdiensten? Bei “Terrornetzwerken“? Da eben auch.

Wer das einmal realisiert hat, in seinem vollen Umfang, der ahnt, was Geheimdienste all die Jahre verhindert oder – wie sie es ausdrücken würden – “geleistet” haben. Sie haben eine demokratische Entwicklung, wie sie sich derzeit vor unseren Augen ereignet, verhindert. Sie haben im Gegenteil diese Entwicklung behindert, da sie immer alles dafür getan haben, um vor allem für “Stabilität” in der Region zu sorgen. “Stabilität” ging unseren Geheimdiensten immer über alles und dafür gibt es einen Grund. Was interessiert es uns, welchen Despoten wir unterstützen, wenn er uns nur an seinen Raubzügen teilhaben lässt? Im ganzen Satz: Verkauf mir billiges Öl, dafür helfe ich dir mit Waffen und Ausbildung dabei, dein Volk zu unterdrücken. So lief das die letzten 50 Jahre und die Geheimdienste waren dabei der Schlüssel zu einer Tür, die vor allem der Jugend der betroffenen Länder lange Zeit verschlossen blieb.

Die Bevölkerungsexplosion in diesen Regionen und vor allem die Erfindung von Massenkommunikationsmitteln, die sich jeder leisten kann, haben den arabischen Staaten die Aussicht auf Freiheit gebracht. Die westlichen Geheimdienste und ihr erfundener Feind Al Qaida haben all die Jahre alles dafür getan, um vor Ort Regime zu zementieren und Freiheit und Demokratie zu unterdrücken. Deshalb hört man seit Monaten nichts von ihnen und deshalb hört man auch nichts von unseren Regierungsvertretern, denn sie genau sind komplett überfordert. Ist es nicht erbärmlich, wie all die Bilder von “demokratischen” Politikern und arabischen Despoten plötzlich vergessen sind? Was soll bei dieser verlogenen Form der Kommunikation, “Diplomatie” genannt, immer das Gefasel von Menschenrechten? Seit wann interessiert sich Europa oder die USA wirklich für Menschenrechte?

Doch nur dann, wenn ein Despot aufhört uns das zu liefern, was wir von ihm im Gegenzug fürs “Wegsehen” gefordert haben. Wer in den letzten 30 Jahren im arabischen Raum immer schön den Ölhahn in Richtung USA offen ließ, der konnte mit seinem Volk machen, was er wollte, und das tat er auch, und das tut er noch, aber da mischen wir uns nicht ein, nein. Wir, in unserem Fall Deutschland, wir stellen unseren Außenminister hin, und der bestätigt dann das, was alle Welt schon längst gesehen hat. Das ist so ähnlich wie Bildunterschriften bei der Bild-Zeitung. Man sieht eine Frau mit einem Regenschirm vor einem Auto, und die Bildunterschrift dazu lautet: der Name der Frau, und dann das, was sie tut, also “steht mit einem Schirm vor dem Auto”. Was hat das mit Interpretation, mit Stellungnahme zu tun? Wo wird da auch mal ganz unbequem hinterfragt?

Westerwelle als klassiches Beispiel westlicher Außenpolitik droht einem wahnsinnigen Diktator, der herum läuft wie Michael Jackson im Endstadium, er droht diesem mit “möglichen Sanktionen”, aber erst nachdem die arabische Demokratiebewegung ihn schon halb gestürzt hat! Warum kommt das erst jetzt? Und warum immer noch so vorsichtig und vage? Seit wann wissen wir denn, dass Gaddafi und seine Kollegen Schwerverbrecher sind? Seit zwei Monaten? Warum haben denn unsere Außenminister in ihren pausenlosen Rundreisen gerade in diesen Gegenden nie mal klar gesagt: “Entweder, Sie respektieren jetzt die allgemein gültigen Menschenrechte, die seit 1948 schriftlich und für alle Nationen bindend existieren, oder aber wir machen mit Ihnen keine Geschäfte mehr!”

Wo waren denn die Empfehlungen der Geheimdienste bezüglich der Frage, wie man die Opposition in diesen Diktaturen stärken könnte? Es gab diese Empfehlungen nie. Es gab immer nur das Gegenteil. Den Diktator mit Waffen und Geld unterstützen, damit unsere ganzen “Demokratien” sich keine neuen Energiequellen überlegen müssen! Aus diesem Grund wurde auch Al Qaida und seine Handvoll alter Männer, in Höhlen sitzend und mit modernsten Waffen ausgerüstet (traditionell der AK-47, ein sowjetisches Sturmgewehr, das hier eine Antiquität wäre), aus diesem Grund wurde Al Qaida auch hochgeschrieben.

Ohne Al Qaida keine “Achse des Bösen”, aber wir, wir mit unseren wirklich großartig in die Zukunft schauenden Geheimdiensten, wir sind die Vorderachse. Dieses Al Qaida, dieses hochkomplexe Terrornetzwerk, liegt uns ständig auf der Lauer. Das sind zwar im Einzelfall immer nur junge Araber, die von alleine nie auf die Idee kämen, aber kaum werden sie von bin Laden persönlich via SMS mit ein paar Ideen versorgt, schaffen sie es zum Beispiel 2001 parallel vier Flugzeuge in den USA zu kapern und mit diesen vier Ziele anzufliegen und diese auch noch zu treffen, und dabei die gesamte amerikanische Luftraumsicherung ins Koma fallen zu lassen. Ein Meisterwerk, das einen “Krieg gegen den Terror”, von zahlreichen Überwachungsmaßnahmen begleitet, rechtfertigt.

Und die Geheimdienste? Die bestätigen am Schluss das, was wir alle selbst gesehen haben: Wolkenkratzer, die in Sprenggeschwindigkeit kamerakompatibel in sich zusammenfallen. Und wenn es so ist, wie von offizieller Seite behauptet wird, was machen dann eigentlich “unsere” Geheimdienste? War die Idee hinter diesen Institutionen nicht ursprünglich, den Feind so gut auszuspähen, dass man Anschläge wie hier oder Revolten oder ganze Staatsumstürze schon weit im Voraus kommen sah? Haben die amerikanischen Geheimdienste nicht seit mehreren Jahrzehnten arabische Diktaturen wegen wirtschaftlichen Interessen gestützt? Hatten sie keine Kontakte und Einsätze vor Ort? Es ist unglaubwürdig, dass gerade die USA davon nichts geahnt haben soll.

Und selbst wenn das so wäre: Ein Geheimdienst, der immer im Nachhinein bestätigt, was ich selbst immer längst erkannt habe, weil es in den Massenmedien, also auch in den unabhängigen, läuft, ein solcher Geheimdienst ist etwa so wertvoll wie ein Lottoschein mit den richtigen Ziffern, den ich versuche, nach der nächsten Ziehung einzureichen.

Um noch einmal zum Anfang zu kommen: sowohl unsere Geheimdienste als auch Al Qaida werden gerade in der letzten Zeit deutlich überschätzt. Sie sind genauso wie die Despoten im nahen Osten und die “an Menschenrechten interessierten” Regierenden im Westen moderne Dinosaurier, die sich ein Leben ohne Konflikt, ohne kalten oder warmen Krieg wenn überhaupt nur vorübergehend vorstellen können und wollen, denn nur der permanente Konklikt, der Terrorist, der permanent die Weltherrschaft plant und dafür morgen mit Handgranate aus dem Berliner Hauptbahnhof steigt, nur der ist ihre Existenzberechtigung!

Die Welt ist längst einen Schritt weiter und wenn ich von dieser Welt rede, dann meine ich die internetaffine Jugend. Die Jugend hat Sehnsucht nach der Zukunft und in dieser Zukunft wird es Al Qaida und Geheimdienste sicher auch noch geben, aber eher so wie es am Checkpoint Charlie auch noch einen Grenzkontrollpunkt mit Soldaten in Originaluniform gibt.

Das ist ein Service für Touristen, die sich da fotografieren lassen wollen. Dieser Wunsch ist nicht damit zu verwechseln, dass all jene, die an diesem künstlichen Grenzposten stehen, die alten Zeiten wieder haben wollen. Das ist eine sentimentale Geste, die der Unterhaltung dient. Wir alle sind froh, dass es den echten Grenzkontrollpunkt nicht mehr gibt und wir alle sind noch froher, wenn unsere so fantastischen, in die Zukunft blickenden Geheimdienste mit all ihren rund um die Uhr verkündeten drohenden Terrorszenarien endlich so werden wie der alte Mann, der 300m vor seinem Seniorenheim steht und der früher mal eine Menge Geld mit seinen Ölgeschäften in den ehemaligen arabischen Diktaturen verdient hat, der aber jetzt nicht nach Hause findet. Er ist senil und damit endlich entschärft. Wir sollten und das als Beispiel nehmen, was die arabische Jugend ohne den Westen auf die Beine stellt. Möge Allah, Gott, Jehova oder wer auch immer Mitleid haben und diese ehrlichen Menschen davor schützen, dass wir, die alten Profis aus dem Westen, ihnen erneut “helfen“.

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