Es werden bei dem Euphemismus „Arabellion“ 2 Wörter zusammengeführt: Arabien und Rebellion. Der Begriff spielt auf die aktuelle politische, sowie gesellschaftliche Lage in den arabischen Ländern an, in denen es seit Ende des letzten Jahres bzw. Anfang dieses Jahres zu Krawallen, Bürgerkriegen und schlussendlich auch zu Umstürzen kam.
Der Anfang der Unruhen ist bei der Selbstverbrennung des 26-jährigen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010 anzusetzen. Da die Polizei mehrmals seinen Gemüsestand schloss und sein einziges Arbeitsmittel, seine Waage beschlagnahmte, wurde ihm und seiner Familie, die er ernähren musste, seit sein Vater verstarb, die Lebensgrundlage entzogen. Innerhalb kürzester Zeit verbreitete sich diese Nachricht, es kam zu Unruhen und schlussendlich zum Sturz des damaligen Despoten Ben Ali.
Wenn man über keinerlei Hintergrundwissen verfügt, fragt man sich natürlich, wieso es denn überhaupt zu diesen Unruhen nach solch einem Einzelschicksal kam.
Der Hauptgrund ist – man mag es kaum glauben – das System. Die arabischen Länder werden seit Jahrhunderten, bzw eigentlich seit Jahrtausenden von Stammesherrschern, Königen, oder Diktatoren regiert. In fast keinem arabischen Land gibt es freie, demokratische Wahlen, wie man sie hier in Deutschland bzw. in der westlichen Welt kennt, sondern höchstens Scheinwahlen, bei denen im Vorfeld schon feststeht, dass der Sieger der Wahl der jeweilige Machthaber sein wird.
Weitere Gründe für das Aufflamen der Proteste, die von entscheidender Wichtigkeit sind, sind die hohe Arbeitslosigkeit, inbesondere der jüngeren Bevölkerung, deren Anteil durch ein starkes Bevölkerungswachstum in den letzten Jahrzehnten enorm anstieg und weiter ansteigt, aber auch die weltweit steigenden Nahrungsmittel –und Energiepreise, die große Teile der Bevölkerung belasten.
Auch die Abwendung großer Bevölkerungsteile von der Religion, in diesem Fall, dem Islam und neue Kommunikationsmittel, wie z.B. das Internet, oder Handys, sind von entscheidender Wichtigkeit. In den Medien wird inzwischen sogar schon von der so genannten „Facebook – oder Twitter – Revolution“ gesprochen.
Da die Situation in den anderen arabischen Ländern sehr ähnlich ist, kam es in kürzester Zeit in weiteren arabischen Ländern zu Unruhen, wie z.B. in Ägypten, wo der langjährige Machthaber Husni Mubarak zum Rücktritt gezwungen wurde, oder in Syrien und Jemen, wo die bisherigen Herrscher mit Gewalt die Demonstranten unterdrücken und auf ein Abebben der Unruhen hoffen, oder auch wie im Fall Bahrain, wo die Saudi-Arabische Armee innerhalb kürzester Zeit einrückte und die Demonstrationen niederschlug.
Die Despoten stützen sich dabei zumeist auf die Armee, die in den arabischen Ländern eine besondere Rolle spielt.
Der größte Teil der arabischen Machthaber ist durch einen Militärputsch an die Macht gekommen, Beispiele hierfür sind Husni Mubarak, der Assad-Clan in Syrien, oder auch Muammar al-Gaddafi, der Machthaber in Libyen. Die Macht wird in diesen Ländern also nicht, wie bei uns durch Dialog und Kompromisse gesichert, sondern vielmehr durch Untdrückung, Gewalt, oder auch wie im Fall Sudan, durch eine enge Einbeziehung von Warlords, oder anderen lokalen Machtstrukturen in die Politik. Die vorherrschende Herrschaftsstrategie wird „divide et impera“, also „Teilen und Herrschen“ genannt. Die Opposition wird hierbei so gegeneinander ausgespielt, dass sie so geschwächt und zersplittert ist, dass sie unbedeutend wird und somit die Diktatoren unumschränkt herrschen können. Staatliche Willkür, das Fehlen von jeglichen Menschenrechten, oder Grundfreiheiten, wie z.B. der Meinungs –und Versammlungsfreiheit, prägen den Alltag in nahezu allen arabischen Staaten. Schon seit Jahren forderten einzelne Gruppen die Etablierung von Demokratien in den arabischen Staaten, jedoch war die Antwort des Staates auf solche Forderungen immer Festnahmen, oder im schlimmsten Falle auch die Todesstrafe.
Auch die westlichen Länder haben langsam angefangen, die arabischen Machthaber unter Druck zu setzen und somit die Demonstranten indirekt zu unterstützen. Bis kurz vor den Demonstrationen war der Westen, vor allem die USA der wichtigste Bündnispartner der arabischen Länder. Die USA unterstützen z.B. die ägyptische Armee mit neuester Technologie, aber auch mit finanziellen Mitteln und sorgten somit für den Erhalt des status quo.
In einem bemerkenswerten Fall ging und geht immer noch, die Unterstützung aktiv von statten – und zwar im Fall Libyen.
Der dortige Machthaber ist seit eh und je ein Feind des Westens, Libyen hat es sogar auf die erweiterte Liste der „Achse des Bösen“ geschafft, jedoch ist Libyen, so wie die meisten anderen arabischen Staaten auch, ein ölreiches Land und wurde somit zu einem wichtigen Geschäftspartner der Europäer und Amerikaner. Der dortige Herrscher Muammar-al-Gaddafi gilt zudem als Verfechter des radikalen Islamismus und unterband in Kooperation mit Italien die Flucht von Afrikanern nach Europa. Der Westen kooperierte also im Sinne der Sicherheit und Stabilität der Region mit diesem brutalen Despoten.
Als es schließlich auch in Libyen zu Demonstrationen kam, sah der Westen sich auf einmal genötigt, die Bevölkerung vor den Übergriffen durch Gaddafis Truppen zu schützen und verhängte ein Waffenembargo, sowie eine Flugverbotszone über Libyen.
Natürlich stellt sich jetzt die Frage, wieso der Westen plötzlich ein Gewissen entdeckt hat und die Menschen vor staatlicher Willkür schützen will, aber weiterhin Staaten wie das monarchische Saudi-Arabien unterstützt, aber das wird heutzutage ja einfach nur „Realpolitik“ genannt.
In der Resolution 1973, die den Fall Libyen betraf, wurde ein sofortiger Waffenstillstand, das vollständige Ende von Gewaltanwendungen gegen Zivilisten und schlussendlich auch eine Flugverbotszone zum Schutze der Bevölkerung verabschiedet.
Bemerkenswert ist an der Resolution, dass, gemäß der Charta der Vereinten Nationen das oberste Gebot der UN nicht die Wahrung der Menschenrechte ist, sondern vielmehr die Zusicherung staatlicher Souveränität und somit das Prinzip der „Nichteinmischung“. Das oberste Gebot heißt also, dass kein Staat in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates eingreifen darf.
Die erst vor wenigen Jahren, als Folge des Jugoslawien-Feldzugs der Nato eingeführte „Responsibility to protect“, also „Verantwortung zu schützen“ hat also in der Resolution 1973 einen Präzedenzfall gefunden.
„Responsibility to protect“ bedeutet, dass die Weltgemeinschaft in dem Falle, dass ein Staat nicht fähig, oder wie im Falle Libyens willens ist, seine Bürger vor Menschenrechtverletzungen zu schützen, die Verantwortung für die Menschen übernehmen und somit die Menschen vor Übergriffen schützen muss. Offensichtlich steht diese humanitäre Intervention im Gegensatz zum Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten und verdeutlicht, dass sich das Völkerrecht im Wandel befindet. Wann aber genau die R2P fasst und wer sich um die Umsetzung kümmern soll, bleibt offen. Im Falle Libyen ging das Mandat der UN an die NATO, was jedoch kritisiert wird, da die Nato nur ein Militärpakt einiger weniger Staaten ist und somit immer ein Machtinstrument des Westens darstellt. Ein weiterer Kritikpunkt an der R2P ist, dass zu leicht zivile Opfer bei Einsätzen getroffen werden können, was im Fall Libyen auch schon geschehen ist.
Auch interessant ist, dass bei der Abstimmung um die Resolution 1973, Deutschland sich den BRIC-Nationen, also Brasilien, Russland, Indien und China anschloss und mit einer Enthaltung stimmte. Das scheint natürlich auf ersten Blick komisch, da sämtliche anderen westlichen Staaten, wie z.B. Frankreich, die Vereinigten Staaten, oder Großbritanien mit einem klaren Ja votierten, jedoch begründete der deutsche Außenminister Guido Westerwelle dieses Votum mit der Aussage, dass sich Deutschland in keine weiteren millitärischen Interventionen verstricken will und das Votum keinesfalls bedeutet, dass man zu der Angelegenheit selbst neutral steht.
Meiner Meinung nach ist die Entscheidung der Bundesregierung richtig, gerade da es verdeutlicht, dass Deutschland sich wehement hinter ein wichtiges Prinzip der internationalen Beziehungen stellt: Gewaltverzicht. Es ist schlichtweg zu unglaubwürdig, dass man bis vor wenigen Monaten noch gute Beziehung zum libyschen Diktator pflegte und auf einmal genau dieses Regime bekämpft, ohne sich großartig diplomatisch bemüht zu haben.
Ein militärisches Eingreifen durch den Westen kann aber auch die Gefahr mit sich bringen, dass die Aufstände bei der Bevölkerung, wie eine vom Westen initiierte Bewegung aussieht, mit dem Ziel die Interessen der Amerikaner und Europäer am arabischen Öl besser vertreten zu können.
Außerdem birgt eine Intervention auch immer die Gefahr, dass die falschen Menschen unter militärischen Operationen zu leiden haben. Die Erfahrungen in Afghanistan und Irak zeigen das sehr deutlich. Diese Beispiele belegen auch, wie schnell ein kurzfristig angelegter Einsatz zu einem längerfristigen Engagement führen kann.
Unklar ist zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls, welche politische Bewegung mit einem Militäreinsatz überhaupt unterstützt wird. Die Informationslage ist dafür zu unübersichtlich. Sollte es auf einmal zur Radikalisierung der Demonstrationen kommen und sollte die Muslimbruderschaft weiter an Einfluss gewinnen, könnte eine Revolution wie schon einmal im Jahr 1979 im Iran in einem Gottesstaat enden, was fatale Konsequenzen für den Weltfrieden hätte.
Ob der Preis einer innereuropäischen Isolation und vor allem auch die Spaltung des europäischen Lagers nicht zu hoch ist, ist in diesem Fall natürlich eine offene Frage und es wurden sogar schon erste Konsequenzen deutlich, denn die Nato lehnte die Unterstützung des Einsatzes durch deutsche Munitionslieferungen ab.
Zusammenfassend kann man anhand dem Beispiel Arabellion einige Spannungsfelder der internationalen Beziehungen feststellen:
Zuersteinmal natürlich das Spannungsfeld zwischen Stabilität und Sicherheit auf der einen Seite und den westlichen Werten auf der anderen Seite. Es muss also abgewägt werden, was für die Staatengemeinschaft wichtiger ist: Einen stabilen Mittleren Osten, unter der Herrschaft von Diktatoren, oder weniger stabile Demokratien.
Ein weiteres Spannungsfeld ist zwischen Menschenrechten und der Staatssouveränität auszumachen. Auch hier muss die Staatengemeinschaft einen Konsens finden, was denn schlussendlich wichtiger ist.
Das letzte Spannungsfeld betrifft Deutschland: Soll Deutschland riskieren, sich außenpolitisch zu isolieren und das westliche Lager zu spalten, dabei jedoch die eigenen Interessen verfolgen, oder doch weiter der westlichen Linie folgen und sich für ein starkes Europa und eine starke Nato einsetzen und die eigenen Interessen in den Hintergründ rücken?!
Gastautor: Nima Valadkhani


